Velotaxi gibt Gas: Mit der Rikscha nach Asien

Berliner Zweirad-Droschken expandieren und wollen 2002 Gewinn von 1,5 Millionen Euro einfahren

(Berlin/Alf Ihle) Ein weiteres Jahr auf der Überholspur peilt die Berliner Firma "Velotaxi" an. Das erste Fahrradtaxiunternehmen Deutschlands befördert seine Kunden jetzt im fünften Jahr. Gründer Ludger Matuszewski sieht seine Fahrer fit für den Zweikampf gegen die motorisierte Konkurrenz. Mit langem Atem und neuen Konzepten soll der Markt gesichert werden.

Eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art schreibt das Unternehmen "Velo-Taxi". Während der Großteil der Berliner Wirtschaft rasant die ökonomische Talsohle nutzt, um rote Zahlen in Rekordzeit zu schreiben, klettern die Rikscha-Pedaleure vom Prenzlauer Berg in die Gewinnzone.
Noch lesen sich die Zahlen bescheiden: Von weltweit über zwei Millionen Rikschas werden gerade mal 80 der Drahtesel über Berliner Pflastersteine gelenkt, das sind 0,036 Promille. Und während in Bangladesch die Fahrrad-Taxen 60 Prozent aller Personenkilometer bestreiten, lässt sich der entsprechende Berliner Wert nicht einmal schätzen. Aber selbst die Zahl aller grüngestrichenen Tretboote in der Hauptstadt dürfte ein höheres Verkehrsaufkommen erreichen.
Doch für Geschäftsführer Matuszewski ist dies kein Anlass, die Luft aus den Reifen zu lassen. Im Gegenteil. Nachdem sein Geschäft in den Anfangsjahren noch als modernes Sklaventum verspottet wurde, verspürt er nun Rückenwind. "Mittlerweile hat sich diese neue Dienstleistungsidee etabliert, gesellschaftlich und politisch und wirtschaftlich sowieso."
Die positive Grundstimmung ist so gut, dass ein neuer Geschäftsbereich aufgebaut wird. "Wir verkaufen Velotaxis und kooperieren mit Unternehmen in anderen Städten. Dazu haben wir bereits eine industrielle Serienproduktion vorbereitet. Den verschiedenen Kooperationspartnern verkaufen wir...ein komplettes Start-Up-Paket mit Software, Schulungen, Musterverträgen, Öffentlichkeitsarbeit und allem drum und dran."
Diesem Druck der Radwege mussten selbst die Behörden nachgeben. Zuerst sicherte sich die hohe Politik zügig ihren Beifahrersitz. Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig nannte Velotaxi "eine intelligente Ergänzung zu Bahn, Bus und Individualverkehr. Ein Verkehrskonzept, das die Umwelt schont und Spaß macht." Nun radeln auch die Berliner Behörden fleißig in der Spur bestätigt Matuszewski: "Anfangs hatten wir ein echtes Problem. Velotaxis sind als Fahrräder eingestuft worden, mit denen nur Kinder bis zum siebten Lebensjahr befördert werden dürfen. Wir brauchten eine Ausnahmegenehmigung, die zunächst nur für ein Jahr und nun unbefristet erteilt wurde - allerdings nur für Berlin."
In anderen Städten kreuzen die Räder bislang als knallige Event-Flotte. Nachdem Velotaxi als offizielles Transportmittel die lahmende Weltausstellung EXPO2000 in Hannover in Schwung brachte, so wurden letztes Jahr auf der Bundesgartenschau in Potsdam die Besucher erfolgreich zwischen Beeten und Rabatten kutschiert. Weitere Kunden wie Nike, Vodafone oder C&A nutzten den Shuttle-Service per Muskelkraft, um sich zu promoten. Für Matuszewski ist dies Sinn und Zweck seiner Firma. " Wir vermieten die Kabinen der Fahrräder als Werbefläche. Wir leben von der Werbung." Denn: "Es war von Anfang an unser Konzept, nicht an den Fahrern zu verdienen. Die Fahrer behalten die Einnahmen der Fahrgäste. Sie sind selbstständig und fahren auf eigene Kasse." Fünf Euro zahlt der Fahrer an Velotaxi für ein Rad pro Tag. So spart er sich nicht nur den Beitrag für das Fitnessstudio, sondern erhält zudem Dienstleistungen wie Aufträge, Wartung und Reparaturen.
Doch zum Lebensglück der Speichenkutscher gehören nicht nur Muskelkater, Smog und Busspurbenutzung. Die Wahl der Strecke bestimmt das Einkommen. Und hier herrscht ein umgekehrtes Ost-West-Gefälle. Seit der Wiedereröffnung des Reichstages hat sich das lukrative Geschäft in die neue Mitte der Hauptstadt verschoben. Der Kudamm hat als florierende Radrennstrecke ausgedient und gilt unter den 250 Fahrern als unbeliebtes Pflaster. Zeitweise musste Matuszewski seinen Kudammpiloten sogar die Miete erlassen, um auf dem morschen Boulevard überhaupt noch präsent zu sein.
Doch das sind keine wahren Probleme für Matuszewski, den Kaufmann mit Visionen. Er möchte das Rad ein zweites Mal erfinden und plant den Verkauf der Rikschas bis nach Asien.
Kyoto hat schon zehn Exemplare bestellt.

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