Auf Kufen durch alle Kurven
Katarina Witt - ein Porträt von Alf IhleDieses Lachen. Manchmal vielleicht einen kleinen Tick zu laut. Aber immer mit dem leichten sächsischen Klang. Ein Lachen als Markenzeichen, wie ihre Schlittschuhe oder das Carmen-Kostüm.
Immer wieder wird eine Person zum Mittelpunkt leidenschaftlicher Auseinandersetzungen: die Eiskönigin Katarina Witt. Einst das "schönste Gesicht des Sozialismus" erfolgreichste Sportlerin der DDR, ein Weltstar. Das ist sie bis heute geblieben. Mit 36 Jahren hat sie mehr Erfolg denn je. Ihre weltweite Tournee "World Stars On Ice" ist seit Monaten ausverkauft. ''Vogue' und 'Cosmopolitain' bringen Gesicht und Geschichte in Hochglanz. Morgens Frühstück mit Robert de Niro und Abends Auftritt mit der Rockgruppe 'KISS'. Dazwischen verkauft sie ihre eigenen Schmuck- und Kosmetikserien. Eigentlich ein Traum.Der wahrgewordene Traum einer Karriere, wie sie so nur in Deutschland möglich war. Eine Karriere, aufgebaut mit typisch deutschen Tugenden wie Fleiß und Zähigkeit. Aber auch eine Laufbahn, die von Neid und Missgunst ebenso deutsch begleitet wurde. Und die deshalb wohl auch folgerichtig im Ausland ihre Fortsetzung finden musste.
Die zweimalige Olympiasiegerin war die erste Eiskunstläuferin, die ihrem gesamten Auftritt einen einheitlichen Stil verlieh: Musik, Kostüm, Make-up und Choreographie wurden aufeinander abgestimmt. Erstmalig 1983, als sie als junger Mozart ihr Kurzprogramm tanzte. Ihre Konkurrentinnen knallten wie Gummibälle Toeloops, Salchows und Rittberger auf die Eisfläche. Anders 'Katarina, die Große', denn akrobatische Dreifachsprünge zählten nie zu ihrer Stärke. Sie verzauberte Punktrichter wie Publikum mit Eleganz und Charme.Und während sie sich so zur erfolgreichsten Eiskunstläuferin aller Zeiten kurvte und kringelte, wuchs der DDR ein wahres Luxusproblem heran. Zwar genoss die Führung Ansehen und Devisen, die der einzige Weltstar dem Arbeiter- und Bauernstaat einbrachte. Um so größer wurde aber die Furcht vor einer möglichen Republikflucht. Allerdings völlig unbegründet. "Ich wollte nie abhauen! Ich war ja fest davon überzeugt, dass unser System dem westlichen weit überlegen war. Ich bin immer gerne heimgekommen", erinnert sie heute an ihr Leben in und zwischen zwei Systemen. So tritt sie nacheinander auf bei FDJ-Festen und Eisshows in Las Vegas. Sie lernt Erich Honecker kennen und den Popstar Bryan Adams. Sie will in der DDR bleiben, aber Sonnenblumenbrot aus West Berlin essen. Für sich und ihren Freund beantragt sie einen Pass. Sie tritt in die SED ein und will einen Golf. Dann einen Mitsubishi, einen VW Bus, später einen Audi Quattro.
Das freche Mädchen aus Karl-Marx-Stadt hatte den Zusammenbruch der DDR vorweggenommen, als sie den Spitzen des Regimes dermaßen auf der Nase herumtanzte. Auch wenn sie es heute nur mit ihrem berühmten Lachen kommentiert, Honecker, Krenz, Vogel und Konsorten haben ihr zu Füßen gelegen. Und ihr Spiel mitgespielt. Das Spiel der Katarina Witt.An ihrer Wirkung auf Männer hat sich nichts geändert. Wer den NBC-Chairman Bob Wright auf einem Empfang für die Waisenkinder des 11. September an Katarinas Seite hat hochrot schwitzen sehen, weiß Bescheid. Überhaupt, die Amerikaner. Sollte ihre Popularität hierzulande etwas gesunken sein, jenseits des Atlantiks steigt sie immer noch. "Die Amerikaner sehen mich als lebendigen Beweis, dass die Mauer gefallen ist", erklärt sie ihren Erfolg. Vielleicht ist es aber doch etwas mehr. Denn in den USA werden die Playboy-Ausgaben mit der nackten Eiskönigin zu Preisen gehandelt, als hätte Gutenberg persönlich sie gedruckt. So oder so, ihr gefällt der american way of life, "Die Amis gehen die Dinge einfach an, ohne lange vorherige Diskussionen. Jetzt lebe ich mal in Deutschland, mal in Amerika und fühle mich überall wohl. Ich definiere Heimat nicht mehr als ein Land oder eine Stadt. Heimat ist da, wo meine Familie und meine Freunde sind und wo mir das Gefühl vermittelt wird, dass die Menschen gern mit mir zusammen sind."
Ihre "Villa Kunterbunt" nennt sie einen solchen Ort der Geborgenheit. Ein schickes Mietshaus, dass sie vor vier Jahren in Berlin-Mitte gekauft hat. Dort umgibt sie sich mit Menschen, die sie mag. Eltern und alte Freunde wohnen dort. Am liebsten hätte sie auch ihre Ex-Männer dort versammelt. "Ich war immer mit guten Männern zusammen und bin kein Mensch, der nur mit dem Partner allein alt werden will", lacht sie laut und zwinkert mit einem Auge.
Ob Titel, Autos oder Männer. Katarina Witt scheint den Erfolg gepachtet zu haben. Wie sie das macht, weiß sie wahrscheinlich selbst nicht. Fröhlich und unbekümmert nimmt sie, was sie bekommen kann, und wenn es das Glück ist.
Zur Not hilft sie mit ihrem Lachen etwas nach.